Presse

Alfred Koerppen in der Presse

Kurz vor dem Ziel

„Im Paradies gibt es ein Nachspiel. Das Ziel scheint eigentlich schon glücklich erreicht – die schwebenden Akkorde, von denen getragen der Sänger noch einmal die ewige Ruhe beschworen hat, lichten sich bereits in eine jenseitige heitere Melodie, als die Musik plötzlich abbricht. Mit scharfem Fortissimo unterbricht eine grelle Dissonanz im letzten Moment die Sanftmut. Es ist ein in Töne gegossener Hilfeschrei, ein doch noch verzweifeltes Aufbegehren gegen das Unvermeidliche. Der Ausbruch verhallt im Nichts wie eine unbeantwortete Frage. Dann erst setzt ein allerletzter, einzelner Akkord in langmütigem g-moll den unpathetischen Schlusspunkt. Am Ende ist es eben doch nicht mehr das Ende.“
Stefan Arndt – HAZ, 13.09.2021, über die Uraufführung der Kantate „In Paradisum“ für Countertenor, 2 Violinen, Horn und Flügelhorn durch Johannes Euler und das Kammerorchester Hannover unter Hans-Christian Euler.

Zurück zur Stimme

„Jörg Straube sieht den Komponisten Koerppen in der Nachfolge von Meistern wie Max Reger und Hugo Distler. (…) Allen Einflüssen zum Trotz finden seine Stücke aber oft einen charakteristischen, eigenen Tonfall. Das gilt wohl auch für das neue Stück (die Kantate zum „Fest für alle“), das weitgehend auf komplizierte polyphone Verästelungen verzichtet. Koerppen hat klare Formen wie Choral und Strohengesang gefunden und lenkt so die Konzentration ganz auf den Text. Damit steht er passend zum Anlass ganz in der Tradition des evangelischen (Gemeinde-) Chorgesangs: Es gilt das gesungene Wort.“
Stefan Arndt – HAZ, 21.08.2017


Wenn die Neue Musik etwas zu sagen hat

Koerppens dritte Sinfonie vom Staatsorchester Oldenburg uraufgeführt.
Die vor zehn Jahren vollendete Sinfonie Nr. 3 von Alfred Koerppen (84), uraufgeführt in Anwesenheit des gefeierten Komponisten (dessen Werk freilich auch eine höchst kompetente Wiedergabe erfuhr), stand im Mittelpunkt.
Die Unterschiedlichkeit der drei Sätze ist hier Programm, verrät aber auch souveränen Umgang mit kompositorischer Technik und instrumentalen Mitteln: Qualitäten des Klangs und des Ausdrucks bedingen einander, gehen in allen Sätzen (ungeachtet ihrer Kontraste) eine innige Verbindung ein.

Werner Matthes – NWZ 23.05.2011


Abkürzung zum Paradies

Alfred Koerppens spätes Streichquartett 2006
„Sollte man, wenn man Komponist im prominenten Sinne des Wortes sein möchte, nicht auch ein Streichquartett geschrieben haben?“ Alfred Koerppen hat diese selbst gestellte Frage, die nun in den Vorbemerkungen zu seinem „Streichquartett 2006“ abgedruckt ist, spät, aber eindeutig mit Ja beantwortet. …). Nun hat das hannoversche Nomos-Quartett auch das „Streichquartett 2006“ uraufgeführt. Es ist aber nicht allein durch seine pure Existenz eine positive Antwort auf Koerppens Frage. Vor allem die Qualität der Musik lässt alle (Selbst-)Zweifel an den kompositorischen Fertigkeiten Koerppens absurd erscheinen. Denn wenn auch vieles an dem neuen Stück zunächst konventionell erscheinen mag – diese Musik vermag in vielen Details immer noch zu überraschen. Die strenge Motorik des ersten Satzes etwa wird von Zeit zu Zeit blitzartig von einer weltentrückten Tanzszene oder einer sonnenheiteren Landschaftszeichnung unterbrochen: Unter der kühl konstruierten Oberfläche der Musik wird immer wieder eine ganz andere Substanz sichtbar, die eine Ahnung gibt von den großen Geheimnissen der Musik. Mit einer unerwarteten Drehung versteht es Koerppen in ganz unerwartete Welten vorzustoßen. Es ist, als kenne er eine Abkürzung zum Paradies. Das Nomos-Quartett, dessen Primarius Martin Dehning das Quartett gewidmet ist, war ein großherziger Statthalter dieses Werkes. Mit fein schattierten Klangfarben, mit rhythmischem Feuer und mit einer staunenswerten Fähigkeit, Melodiebögen zu spannen, ließen die Musiker auch die weniger spektakulären Passagen des Werkes zu einem Ereignis werden.“
Stefan Arndt – HAZ, 10.02.2007


Baumeister Koerppen

„Was auch immer Koerppen komponiert, ob Sinfonie, Oper, Kammer-, Schauspiel-, Film- oder Chormusik: Stets strebt er bei aller Experimentierlust nach baumeisterlicher Formenstrenge und einer unmittelbar verständlichen, die Grundfesten der Tonalität respektierenden Musiksprache. Und stets behält Koerppen, der sich eher als Bewahrer denn als Neuerer empfindet, sein Publikum fest im Blick – Koerppens Musik fordert lust- und geistvoll heraus, aber sie überfordert nicht mit modischen Sperenzchen. Das gilt insbesondere für sein ebenso schillerndes wie umfangreiches Chorwerk, das sich von Anbeginn an in enger Zusammenarbeit mit den führenden Chören Hannovers entwickelt hat – allen voran dem Knaben- und dem Mädchenchor. … Die Tatsache, dass Koerppens Kompositionen und seine Bearbeitungen mit Sätzen von Praetorius, Reger, Schönberg und Poulenc kombiniert wurden, gestaltete das neunzigminütige Hörfest (in der Marktkirche Hannover) nicht nur um einiges bunter, sondern verwies obendrein auf den reichen Grund, in dem das Werk des Alfred Koerppen mit unerschütterlicher Festigkeit verwurzelt ist.“
Daniel Behrendt – HAZ 21.12.2006


Finden statt erfinden

Alfred Koerppen schenkt der Landesbibliothek sein Archiv.
Ein Beruf endet meist mit der Pensionierung, eine echte Berufung nie. Wer so eine hat, bedauert das im Allgemeinen nicht und geht ihr so lange wie möglich nach. Maler, Schreiber, Komponisten haben dabei die besten Chancen auf lebenslängliche Tätigkeit. Aber auch sie setzen gern mal Zäsuren wie jetzt der 78-jährige hannoversche Komponist Alfed Koerppen. Dem geht es zwar blendend, aber trotzdem hat er sich Gedanken darüber gemacht, was dereinst mal aus seinem Archiv werden soll – und das umfasst bislang immerhin die Manuskripte und Druckfassungen von 160 Werken. „Man hört ja immer wieder“, meint er mit Blick auf die Musikgeschichte, „wie schwierig es ist, an Material zu kommen, weil es so verstreut ist. Da baue ich ein bisschen vor.“

Im Gegensatz zum Schriftsteller Walter Kempowski, der sein Archiv in Hannover vergeblich anbot (damit schmückt sich jetzt die Berliner Akademie der Künste), hat Alfred Koerppen an der Leine den passenden Rahmen gefunden. Sein Archiv wird der Landesbibliothek geschenkt, und bei der Übergabe am kommenden Dienstag um 19 Uhr wird der Komponist selbst über die gemischten Gefühle sprechen, die ihm das Abschiednehmen von all den Partituren und Handschriften einflößt. „Dauer, Wert und der Schreck vor dem End-Gültigen“ lautet sein Thema, und passend dazu wird auch ein Frühwerk auf seine Dauerhaftigkeit überprüft, nämlich der Klavierzyklus „Orpheus in Thrazien“ von 1949 – eines von bislang 39 Kammermusikwerken.

Der größte Teil des Œuvres ist indessen für Chöre entstanden – und da hat Alfred Koerppen immer wieder Maßstäbe gesetzt. Ob er auf den Spuren der italienischen Renaissance leuchtende Madrigale schrieb oder im „Zauberwald“ einen Märchenklang schuf, den der Hörer wie eine Realität betreten kann, ob er zeitenverbindende Töne fand für Vergils „Georgica“ oder Texte der deutschen Romantik so für Männerstimmen setzte, dass der Begriff „Männerchor“ seine bierige Schwere verlor – das Vokalwerk Koerppens ist eine Fundgrube, aus der neben den bekannteren Stücken noch viele Schätze zu heben sind. Um so mehr, als dieser Mann höchst haltbar komponiert, was das handwerkliche „Funktionieren“ der Musik angeht ebenso wie ihre Substanz.

Da ist Koerppen altmeisterlich streng. „Ich will Stücke“, sagt er, „die fest in Grenzen sind und mich überdauern. Wie eine geschliffene Marmorkugel.“ Er gibt viel auf den „Einfall“, nämlich „den Eindruck, etwas gefunden, nicht erfunden zu haben“, und er glaubt auch an die Musen (deren mittelmeerischer Herkunft er als Ehrenbürger seiner italienischen Sommerheimat Sezze ohnehin besonders nahe ist), aber genialisches Drauflos ist seine Sache nicht. „Ich habe nicht den Ehrgeiz, in der Wüste Kohlköpfe zu züchten.“ Bei allem Respekt vor Pionieren (vor allem Strawinsky, den er bewundert wie auch Messiaen) sieht Koerppen sich eher bei den Siedlern – also keine Elektronik, keine Experimente, dafür unverwechselbare, eigenständige Musik in allen klassischen Genres.

Die Noten und Notizen dazu werden also künftig bequem zugänglich sein – ob Singspiel oder Kammeroper, Lied oder Oratorium, Violinsonate oder Sinfonie. Derzeit nimmt Koerppen eine Vierte Sinfonie ins Visier („dafür muss noch Zeit sein!“) und freut sich auf eine kleine Uraufführung. Am morgigen Sonntag um 10 Uhr nämlich beginnt im Marktkirchengottesdienst die Reihe „Auf dem Weg“. Damit soll ein Bogen von Bach zur Moderne geschlagen werden – für jeden Sonntag ein neu komponiertes Werk von wechselnden Tonsetzern. Alfred Koerppen macht den Anfang mit Chormusik zum Sonntag „Invocavit“, die Jörg Straube mit dem Bach-Chor aufführt. Der Komponist charakterisiert das neue Werk schlicht als „praktikabel“. Zu Übertreibungen neigt er eher nicht.“
Volker Hagedorn – HAZ 12.02.2005